Zur Arbeit von Heinrich Jacoby und Elsa Gindler

Heinrich Jacoby (1889-1964) und Elsa Gindler (1885–1961) waren bewegt davon, wie jeder einzelne Mensch in unserer Gesellschaft seinen Teil dazu beitragen kann, dass ein friedlicheres Miteinander möglich wird. Vertrauter zu werden mit den Funktionsmöglichkeiten des menschlichen Organismus erkannten sie als notwendige Voraussetzung dafür. Bei allen Unterschieden in unserer Geschichte verbinden uns die biologische Funktionsweise unseres Organismus und die Gesetzmässigkeiten, denen wir auf der Erde unterliegen. So sind beispielsweise das Skelett und die Bewegungsorganisation des Menschen darauf ausgelegt, in jedem Moment balancierend auf den Zug der Schwerkraft zu reagieren. Das verlangt ein hohes Mass an Wachsein. Ob wir anwesend und gelassen sind oder beunruhigt und uns anstrengen wirkt sich auf die Qualität dessen, was wir wahrnehmen und leisten aus. Indem wir diese Zusammenhänge bewusst studieren, können wir uns dafür einsetzen, tauglicher zu werden für die vielfältigen Forderungen des Lebens.

Durch Wahrnehmen treten Belebungsprozesse ein,
die durch nichts sonst hervorgerufen werden können.
– Elsa Gindler, im Juli 1959


Heinrich Jacoby, der auch Kapellmeister am Theater in Strassburg war und als Pianist Improvisationskonzerte gab, forschte zunächst mit Menschen auf dem Gebiet der Musik und erzielte dort beachtliche Erfolge. Er entdeckte, dass es funktionelle Grundlagen menschlicher Äusserungsfähigkeit gibt, wovon musikalische Äusserung nur ein Beispiel ist. Elsa Gindler war zunächst als Gymnastiklehrerin tätig. Sie erkannte jedoch bald, dass an den Menschen, nicht isoliert an den Körper, appelliert werden muss, um zuverlässig den Problemen des täglichen Lebens wacher begegnen zu können. Unabhängig voneinander kamen beide zu ähnlichen Erkenntnissen, von denen ausgehend sie ihr Leben lang weiter forschten. Seit ihrer ersten Begegnung 1926 wurden sie einander zu fruchtbaren und anregenden Arbeitspartnern, ohne je ihre Eigenständigkeit aufzugeben. 1933 emigrierte Heinrich Jacoby nach Zürich, wo er bis zu seinem Tod als Privatgelehrter forschte und Kurse gab. Elsa Gindler wirkte auch während der Kriegsjahre in Berlin. Unter widrigsten Umständen liefen die Kursteilnehmer*innen zu Fuss stundenlang durch die zerbombte Stadt, um weiterhin mit Elsa Gindler zu arbeiten. Dabei setzten sie sich unter anderem damit auseinander, wie Panik abklingen kann, und erarbeiteten sich Stehen als Ruheposition, um einem etwaigen Gefängnisaufenthalt besser begegnen zu können. Elsa Gindler setzte sich mutig für jüdische und verfolgte Menschen ein, die sie zum Teil in ihrem Atelier versteckte oder denen sie zur Flucht verhalf. 1944/45 gab Heinrich Jacoby einen Einführungskurs in Zürich, den er anschliessend transkribierte, um Elsa Gindler, mit der in den letzten Kriegsjahren kein Kontakt mehr möglich war, an der Weiterentwicklung seiner Arbeit teilhaben zu lassen. Daraus ist durch Sophie Ludwigs Einsatz das Buch «Jenseits von ‚begabt‘ und ‚unbegabt‘ – Schlüsselfür die Entfaltung des Menschen» entstanden.

In ihrer Arbeit mit tausenden Menschen verschiedener Hintergründe haben Heinrich Jacoby und Elsa Gindler wissenschaftlich fundierte Wege aufgezeigt, wie Menschen sich entfalten und mehr von ihren Möglichkeiten realisieren können.